zugehört: Woraus ist Popmusik gemacht?

Teil 8:  Effekte und Mix

In einer Hinsicht ist zugehört irreführend, nämlich mit seinen Schwer­punkten. Der über­wiegende Teil der Bemühungen in der Popmusik dreht sich nicht um Tonleitern und Akkorde oder überhaupt um die Frage, welche Töne gespielt werden sollen, sondern darum, die Töne gut klingen zu lassen. Das Erfolgs­rezept des Pop ist, Musik in erster Linie durch gestalterische Mittel hörens­wert zu machen, während die Noten einfach bleiben. So kann die Musik gleich­zeitig eingängig und interessant sein. Wo klassische Werke Tausende von Noten auffahren, kommen Popsongs mit Vier-Akkord-Schleifen und Melodien aus 20 Tönen daher. Der Rest ist Gestaltung. Mir selbst ist irgend­wann bewusst geworden, dass sich ein großer Teil meiner Lieblings­musik eher durch einen besonderen Klang als durch besondere Melodien und Harmonien auszeichnet - eine verwirrende Erkenntnis, da ich den Klang immer für so etwas wie die Ober­fläche der Musik und mich selbst nicht für ober­flächlich gehalten hatte. Dieser Teil von zugehört soll komplett dem Klang gewidmet sein.

Effekte spielen eine wichtige Rolle, wenn es um die Gestaltung geht. Sie fließen auf zwei Wegen in die Musik ein. Zum einen kann das schon während der Aufnahme erfolgen, z.B. durch Effekt­geräte, die in den Signal­fluss eingebaut sind. Zum anderen kommen auch beim späteren Abmischen Effekte zum Einsatz.

Eine Auswahl an Effekten wird im Folgenden beschrieben. Die Wirkung ist jeweils an diesem Ausgangs­material demonstriert:

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Kompressor

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Den Anfang machen nicht die auffälligen, gestalterischen Effekte, sondern die subtilen, die der Optimierung von Klang und Lautstärke dienen. Ein Kompressor vermindert den Unterschied zwischen Laut und Leise.

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So können leise Passagen eines Stücks verstärkt werden, um es aggressiv und radio­tauglich zu machen. Wenn man es damit übertreibt, verliert die Musik ihre Dynamik, und über den Hörer ergießt sich ein gleich­bleibend lauter Brei, in dem der Sänger laut murmelt und leise schreit.

U2 "Walk On"  2001 Player auf-/zuklappen

Daneben kann der Effekt durch verzögertes Ansprechen auch zum Formen von Klängen und sogar zum Betonen von Pegelspitzen benutzt werden, also dem Gegenteil der ursprünglichen Funktion.

Equalizer

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Haupt­zwecke eines Equalizers sind das Herstellen von Ausgewogenheit und das Beheben von Problemen, d.h. im Normalfall mündet der Einsatz nicht in einen markanten Klang. Möglich ist das aber sehr wohl. So können z.B. hohe Frequenzen per Tief­pass­filter komplett entfernt werden. Das ist besonders auffällig, wenn während des Stücks an der Grenz­frequenz herum­geschraubt wird.

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Noch radikaler ist der Bandpassfilter, der hohe und tiefe Frequenzen entfernt, so dass nur ein Band des Frequenz­spektrums hörbar bleibt.

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Pearl Jam "Black"  1991 Player auf-/zuklappen

Reverb

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Nachhall (englisch Reverb) findet sich praktisch in jedem Popsong. Die Klänge der Stimmen und Instrumente sind im Ausgangs­zustand zu "trocken" für den vorherrschenden Geschmack, da sie im Studio aufgenommen werden oder gar (wie mein Beispiel) aus elektronischen Instrumenten wie Samplern stammen. Deshalb wird Nachhall künstlich hinzu­gefügt. Seit den 80ern geschieht das elektronisch mittels Raum­simulation. Vorher benutzte man mechanische Apparaturen (Plate Reverb), noch früher Echokammern. Heute, wie gesagt, hallt meistens die Elektronik, hier die digitale Simulation eines mittel­großen Saals:

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Das Verhältnis von Klang und Nachhall bestimmt, neben anderen Faktoren, auch die schein­bare Entfernung des Klangs zum Hörer. Geräusche ohne Nachhall wirken z.B. ganz nah. Umgekehrt scheinen Klänge, von denen nur der Nachhall zu hören ist, weit entfernt zu sein. Dadurch ist eine räumliche Staffelung möglich.

Athlete "Airport Disco"  2007 Player auf-/zuklappen

Delay

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Delay ist ebenfalls eine Art von Nachhall, beruht aber nicht auf aufwändiger Simulation, sondern wieder­holt den Klang einfach etwas leiser. Es entsteht ein klar definiertes Echo, das sich sogar mit dem Takt synchronisieren lässt.

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Heroes Del Silencio "Entre dos tierras"  1990 Player auf-/zuklappen

Chorus

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Dem Klang werden leicht verstimmte und verzögerte Versionen seiner selbst beigemischt. Ein einzelnes Instrument wird zum Ensemble.

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Nirvana "Come As You Are"  1992 Player auf-/zuklappen

Flanger

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Der Klang wird zur Interferenz mit sich selbst gebracht.

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Electric Light Orchestra "Twilight"  1981 Player auf-/zuklappen

Vibrato, Tremolo, Wahwah

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Verschiedene Schwingungen.

Vibrato: Schwingen der Tonhöhe.

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Tremolo: Schwingen der Lautstärke.

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Wahwah: Schwingen der Grenz­frequenz eines Tief­pass­filters.

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Auch diese Effekte werden oft synchron zum Takt eingestellt.

Nancy Sinatra "Bang Bang (My Baby Shot Me Down)"  1966 Player auf-/zuklappen

Verzerrung

Die klassische Verzerrung, wie man sie z.B. aus der Rockmusik kennt, entsteht durch Übersteuern eines Verstärkers und war anfangs, bevor man auf den Geschmack kam, sogar unerwünscht. Im Laufe der Jahrzehnte sind noch ein paar andere Methoden, Klänge zu verzerren, dazu gekommen, und längst gibt es auch spezielle Geräte nur zum Zwecke der Verzerrung. Die beliebteste Variante ist aber nach wie vor ein analoges Übersteuern bzw. dessen digitale Simulation. Und um der Frage zuvor zu kommen: Ja. Das ist noch immer ein Klavier.

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Black Sabbath "Paranoid"  1970 Player auf-/zuklappen

Tonhöhenkorrektur

Das Werkzeug wurde zur Korrektur unsauberen Gesangs entwickelt und ist in der Regel nicht hörbar. Es kann aber auch als Mittel der Gestaltung eingesetzt werden ("Cher-Effekt").

Kid Rock "Only God Knows Why"  1999 Player auf-/zuklappen

(Die Bilder zu den Effekten sind arttypisch gewählt und zeigen nicht die konkreten Produkte, die in den Audio- und Songbeispielen benutzt wurden.)

Der Mix

Beim Abmischen fließt alles zusammen, und hier entscheidet sich, wie das Stück am Ende klingt. Guter Klang ist in der Popmusik das A und O. Er trägt maßgeblich dazu bei, dass das Stück gefällt. Dabei gibt es zwei Aspekte. Zum einen soll das Stück ausge­wogen sein. Der Mix soll nicht blechern, dumpf oder schrill klingen. Alle Instrumente müssen einen guten Platz finden und sich klanglich nicht gegenseitig beein­trächtigen. Die Maßnahmen, die dazu getroffen werden, sind für den Hörer kaum bewusst wahr­nehmbar. Er stellt am Ende nur fest, dass der Song gut klingt. Oder eben schlecht, z.B. so:

Kingdom Come "What Love Can Be"  1988 Player auf-/zuklappen

Zum anderen kann versucht werden, ein Stück durch seinen Klang individuell und interessant sein zu lassen, z.B. durch den Einsatz von Effekten. Dieses Bemühen ist heute Standard. Der unbedarfte Pophörer glaubt, sich an genialen Melodien zu erfreuen, aber oft liegt das Besondere und das Aufwändige eines Stücks im Klang, während die Melodie banal ist. Das Abmischen hat sich zu einer großen Kunst entwickelt, wenn auch zu einer, von der viele nichts ahnen. Im kommerziellen Pop betreibt der Toningenieur enormen Aufwand, um einen dichten und aufregenden Sound zu erreichen. Er streut Geräusche und Effekte ein. Er unterlegt Aufnahmen mit Samples oder Synthesizer-Sounds, damit sie fetter klingen. Der Hörer nimmt drei oder vier Instrumente wahr, aber tatsächlich spielt ein Mehr­faches an Spuren. Bei industriell betreuten Top-Acts arbeiten ganze Teams an der Abmischung, bis hin zu Spezialisten, die sich z.B. einzig und allein um dem Klang der Kickdrum kümmern. Erfolg­reiche Popmusik ist in der Regel kunstvoll und trick­reich abgemischt.

Dido "Here with Me"  1999 Player auf-/zuklappen
The Black Keys "Fever"  2014 Player auf-/zuklappen

Zwei melancholisch gemeinte Stücke, zwischen denen etliche Jahr­zehnte liegen:

The Beatles "Yesterday"  1965 Player auf-/zuklappen
Lana Del Rey "Born to Die"  2011 Player auf-/zuklappen