zugehört: Woraus ist Popmusik gemacht?

Teil 10:  Effekte und Mix

In einer Hinsicht ist zugehört irreführend, nämlich mit seinen Schwer­punkten. Der über­wiegende Teil der Bemühungen in der Popmusik dreht sich nicht um Tonleitern und Akkorde oder überhaupt um die Frage, welche Töne gespielt werden sollen, sondern darum, die Töne gut klingen zu lassen. Das Erfolgs­rezept des Pop ist, Musik in erster Linie durch gestalterische Mittel hörens­wert zu machen, während die Noten einfach bleiben. So kann die Musik gleich­zeitig eingängig und interessant sein. Wo klassische Werke Tausende von Noten auffahren, kommen Popsongs mit Vier-Akkord-Schleifen und Melodien aus 20 Tönen daher. Der Rest ist Gestaltung. Mir selbst ist irgend­wann bewusst geworden, dass sich ein großer Teil meiner Lieblings­musik eher durch einen besonderen Klang als durch besondere Melodien und Harmonien auszeichnet - eine verwirrende Erkenntnis, da ich den Klang immer für so etwas wie die Ober­fläche der Musik und mich selbst nicht für ober­flächlich gehalten hatte. Dieser Teil von zugehört soll komplett dem Klang gewidmet sein.

Effekte spielen eine wichtige Rolle, wenn es um die Gestaltung geht. Sie fließen auf zwei Wegen in die Musik ein. Zum einen kann das schon während der Aufnahme erfolgen, durch Effekt­geräte, die in den Signal­fluss eingebaut sind. Zum anderen kommen auch beim späteren Abmischen Effekte zum Einsatz.

Eine Auswahl an Effekten wird im Folgenden beschrieben. Die Wirkung ist jeweils an diesem Ausgangs­material demonstriert:

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Kompressor

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Den Anfang machen nicht die auffälligen, gestalterischen Effekte, sondern die subtilen, die der Optimierung von Klang und Lautstärke dienen. Solche Effekte sind typisch für den Vorgang des Abmischens. Einst nur als teure Geräte für Profis zu haben, finden sie sich heute zunehmend als Software in Projekten wieder.

Ein Kompressor vermindert den Unterschied zwischen Laut und Leise.

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So können leise Passagen eines Stücks verstärkt werden, um es aggressiv und radio­tauglich zu machen. Wenn man es damit übertreibt, verliert die Musik ihre Dynamik, und über den Hörer ergießt sich ein gleich­bleibend lauter Brei, in dem der Sänger laut murmelt und leise schreit.

siehe Playlist U2
"Walk On"

Daneben kann der Effekt durch verzögertes Ansprechen auch zum Formen von Klängen und sogar zum Betonen von Pegelspitzen benutzt werden, also dem Gegenteil der ursprünglichen Funktion.

Equalizer

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Mit dem Equalizer können Frequenz­bereiche angehoben oder abgesenkt werden, was den Klang eines Instruments erheblich verändern kann.

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Vor allem aber werden per Equalizer die verschiedenen Instrumente, die in einem Stück zusammen spielen, gut aufeinander abgestimmt. Das EQing gehört zu den zentralen Maßnahmen beim Abmischen. Idealerweise hat jedes Instrument seinen eigenen Bereich im Frequenz­spektrum, andere werden dort gedämpft, damit sich die Klänge nicht gegenseitig stören. Das kann für manche Instrumente sogar zu einem unnatürlichen Klang führen, einzeln gespielt, aber davon ist im Mix nichts mehr zu hören, und entscheidend ist allein der Klang im Mix.

Aber der Equalizer kann auch anders, nicht nur harmonisieren und Probleme verschwinden lassen, er kann auch markante Effekte hervor­bringen. So können z.B. hohe Frequenzen per Tief­pass­filter komplett entfernt werden. Das ist besonders auffällig, wenn während des Stücks an der Grenz­frequenz herum­geschraubt wird.

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Noch radikaler ist der Bandpassfilter, der hohe und tiefe Frequenzen entfernt, so dass nur ein Band des Frequenz­spektrums hörbar bleibt.

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siehe Playlist Pearl Jam
"Black"

Reverb

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Nachhall (englisch Reverb) findet sich praktisch in jedem Popsong. Die Klänge der Stimmen und Instrumente sind im Ausgangs­zustand zu "trocken" für den vorherrschenden Geschmack, da sie im Studio aufgenommen werden oder gar (wie mein Beispiel) aus elektronischen Instrumenten wie Samplern stammen. Deshalb wird Nachhall künstlich hinzu­gefügt. Seit den 80ern geschieht das elektronisch mittels Raum­simulation. Vorher benutzte man mechanische Apparaturen (Plate Reverb), noch früher Echokammern. Heute, wie gesagt, hallt meistens die Elektronik, hier die digitale Simulation eines mittel­großen Saals:

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Das Verhältnis von Klang und Nachhall bestimmt, neben anderen Faktoren, auch die schein­bare Entfernung des Klangs zum Hörer. Geräusche ohne Nachhall wirken z.B. ganz nah. Umgekehrt scheinen Klänge, von denen nur der Nachhall zu hören ist, weit entfernt zu sein. Dadurch ist eine räumliche Staffelung möglich.

siehe Playlist Athlete
"Airport Disco"

Delay

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Delay ist ebenfalls eine Art von Nachhall, beruht aber nicht auf aufwändiger Simulation, sondern wieder­holt den Klang einfach etwas leiser. Es entsteht ein klar definiertes Echo, das sich sogar mit dem Takt synchronisieren lässt.

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siehe Playlist Heroes Del Silencio
"Entre dos tierras"

Vibrato, Tremolo, Wahwah

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Verschiedene Schwingungen.

Vibrato: Schwingen der Tonhöhe

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Tremolo: Schwingen der Lautstärke

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Wahwah: Schwingen der Grenz­frequenz eines Tief­pass­filters

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Auch diese Effekte werden oft synchron zum Takt eingestellt.

siehe Playlist Nancy Sinatra "Bang Bang (My Baby Shot Me Down)"

Verzerrung

Gitarrenverstärker

Die klassische Verzerrung, wie man sie z.B. aus der Rock­musik kennt, entsteht durch Über­steuern eines Verstärkers und war anfangs, bevor man auf den Geschmack kam, sogar unerwünscht. Im Laufe der Jahr­zehnte sind noch ein paar andere Methoden, Klänge zu verzerren, dazu gekommen, und längst gibt es auch spezielle Geräte nur zum Zwecke der Verzerrung.

Was die Hörprobe betrifft: Ja, das ist noch immer ein Klavier.

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siehe Playlist Black Sabbath
"Paranoid"

Chorus und Flanger

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Für einen Chorus werden dem Klang leicht verstimmte und verzögerte Kopien seiner selbst beigemischt. Ein einzelnes Instrument wird zum Ensemble.

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siehe Playlist Nirvana
"Come As You Are"

Technisch verwandt ist der Flanger. Die verzögerten Kopien sind hier nur sehr leicht verstimmt, und die Verstimmung schwankt, wodurch sich wandernde Interferenzen ergeben.

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siehe Playlist 10cc
"I'm Not in Love"

Vocoder

Vocoder

Auch dieser Effekt ist hier an Klavier­klängen demonstriert, normaler­weise kommt er aber bei Sprache und Gesang zum Einsatz. Der ursprüngliche Zweck des Vocoders war, Telefon­leitungen effizienter zu nutzen ("Voice Encoder"). Das Sprach­signal wird auf seine Hüll­kurven für einige wenige Frequenz­bänder reduziert und kommt so mit einem Bruchteil der Band­breite aus. Beim Empfänger werden die Hüll­kurven auf eine einfache Rechteck- oder Säge­zahn­schwingung über­tragen. Dadurch wird die Sprache wieder erkennbar, klingt nun aber ulkig-maschinen­haft. Eine Einladung für die Kunst.

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siehe Playlist Daft Punk
"Around the World"

Tonhöhenkorrektur

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Das Werkzeug wurde zur Korrektur unsauberen Gesangs entwickelt und ist in der Regel nicht hörbar. Es kann aber auch als Mittel der Gestaltung eingesetzt werden ("Cher-Effekt").

siehe Playlist Kid Rock
"Only God Knows Why"

Der Mix

Beim Abmischen fließt alles zusammen, und hier entscheidet sich, wie das Stück am Ende klingt. Guter Klang ist in der Popmusik das A und O. Er trägt maßgeblich dazu bei, dass das Stück gefällt. Dabei gibt es zwei Aspekte. Zum einen soll das Stück ausge­wogen sein. Der Mix soll nicht blechern, dumpf oder schrill klingen. Alle Instrumente müssen einen guten Platz finden und sich klanglich nicht gegenseitig beein­trächtigen. Die Maßnahmen, die dazu getroffen werden, sind für den Hörer kaum bewusst wahr­nehmbar. Er stellt am Ende nur fest, dass der Song gut klingt. Oder eben schlecht, z.B. so:

siehe Playlist Kingdom Come
"What Love Can Be"

Zum anderen kann versucht werden, ein Stück durch seinen Klang individuell und interessant sein zu lassen, z.B. durch den Einsatz von Effekten. Dieses Bemühen ist heute Standard. Der unbedarfte Pophörer glaubt, sich an genialen Melodien zu erfreuen, aber oft liegt das Besondere und das Aufwändige eines Stücks im Klang, während die Melodie banal ist. Das Abmischen hat sich zu einer großen Kunst entwickelt, wenn auch zu einer, von der viele nichts ahnen. Im kommerziellen Pop betreibt der Toningenieur enormen Aufwand, um einen dichten und aufregenden Sound zu erreichen. Er streut Geräusche und Effekte ein. Er unterlegt Aufnahmen mit Samples oder Synthesizer-Sounds, damit sie fetter klingen. Der Hörer nimmt drei oder vier Instrumente wahr, aber tatsächlich spielt ein Mehr­faches an Spuren. Bei industriell betreuten Top-Acts arbeiten ganze Teams an der Abmischung, bis hin zu Spezialisten, die sich z.B. einzig und allein um den Klang der Bass­drum kümmern. Erfolg­reiche Popmusik ist in der Regel kunstvoll und trick­reich abgemischt.

siehe Playlist Dido
"Here with Me"
siehe Playlist The Black Keys
"Fever"

Zwei melancholisch gemeinte Stücke, zwischen denen etliche Jahr­zehnte liegen:

siehe Playlist The Beatles
"Yesterday"
siehe Playlist Lana Del Rey
"Born to Die"

Das war's mit zugehört, ich hoffe, es hat Spaß gemacht.