zugehört: Woraus ist Popmusik gemacht?

Teil 3:  Dur, Moll und die musikalische Nomenklatur

Wir verfügen jetzt also über ein Sortiment von rund 100 Tönen, mit Bedacht ausgewählt aus dem Kontinuum der Frequenzen. Aber diese Auswahl hat immer noch beträchtliches Potenzial für Schiefes und Abenteuerliches, denn viele der Töne stehen eben doch in keinem harmonischen Verhältnis. Als Anschauung mag die Musik des Komponisten Arnold Schönberg dienen, der sich im frühen 20. Jahr­hundert das gleich­mäßige Verwenden aller Töne des chromatischen Systems zum Prinzip gemacht hat.

Arnold Schönberg "Klavierstück" op. 33a Player auf-/zuklappen

Traditionell wird die Auswahl deshalb für ein einzelnes Musik­stück noch weiter eingegrenzt. Dafür gibt es verschiedene Muster, die sogenannten Tonleitern. Sie beziehen sich auf einen Grundton, der am Anfang steht, und bestimmen, welche der mit steigender Frequenz folgenden elf übrigen Töne der Periode noch verwendet werden dürfen. Der Grundton ist abstrakt, d.h. jeder Ton kann dafür gewählt werden. Die meisten gebräuchlichen Tonleitern wählen sieben Töne aus der Periode, den übrigen fünf ist allenfalls eine Nebenrolle erlaubt, meistens bleiben sie komplett außen vor. Bei einer sinnvollen Tonleiter erhöht sich durch die Eingrenzung der Anteil an harmonischen Frequenz­verhältnissen im Musik­stück.

Tonleitern sind hier grafisch dargestellt. Der Grundton erscheint farbig, die übrigen gewählten Töne weiß, die ausge­schlossenen grau und verkürzt. Das erinnert ein bisschen an die Tasten eines Klaviers, aber in den Farben liegt natürlich keine Zuordnung. Der Grundton der Tonleiter ist frei, deshalb können enthaltene (weiße) Töne auch auf schwarze Tasten des Klaviers fallen und nicht enthaltene auf weiße. Außerdem hat die Darstellung eine andere, gleich­mäßigere Geometrie als die übliche Klaviatur, da es hier um Verständnis geht, nicht um Bespielbarkeit. Gleiche Abstände zweier Töne bedeuten hier immer auch gleiche Frequenz­verhältnisse.

Zwei der Tonleitern sind mit großem Abstand die populärsten, sowohl in der klassischen Musik als auch im Pop:

Tonleiter Dur

Tonleiter Moll

Die Tonleiter beschreibt nur eine Periode, in den anderen Perioden ist die Auswahl der Töne identisch. Die Tonleiter ist also ebenfalls periodisch, Beispiel Dur:

Tonleiter

In der periodischen Wiederholung ergeben die Leitern von Dur und Moll das gleiche Muster, d.h. der einzige Unterschied liegt darin, welcher Ton des Musters zum Grundton gewählt wird.

Tonleitern

Das macht deshalb einen Unterschied, weil der Grundton eine tragende Rolle im Stück einnimmt. Trotzdem sind Dur und Moll für den Laien kaum zu unter­scheiden. Es geht das Gerücht, Dur klinge fröhlich und Moll traurig, aber das ist nicht mehr als eine Tendenz. Andere Eindrücke, z.B. die Klänge der Instrumente, wirken sich ebenfalls auf die Stimmung aus und können die feinen Unter­schiede bei den Harmonien leicht überdecken. (Besonders wenn man bedenkt, dass sich die ganze Popmusik fast nur um den Klang dreht und viele Hörer kaum etwas anderes wahrzu­nehmen scheinen.)

Beispiel Dur

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Lionel Richie "Say You Say Me" Player auf-/zuklappen

Beispiel Moll

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Lionel Richie "Hello" Player auf-/zuklappen

Zeit für Fachsprache

Die Vorliebe für Tonleitern mit dem Muster von Dur und Moll besteht schon recht lange, deshalb bildet dieses Muster die Grund­lage diverser Gebräuche in der Welt der Musik:

Es ist jetzt also an der Zeit, von unseren abstrakten Begriffen auf die üblichen, musikalischen zu wechseln. Beginnen wir mit dem wichtigsten. Um Abstände zwischen Tönen angeben zu können, wäre eine Einheit nützlich. Da das chromatische System regel­mäßig ist, kann einfach der Abstand zwischen zwei direkt aufeinander folgenden Tönen als Einheit verwendet werden, denn alle anderen Abstände sind Vielfache davon. Es braucht für diesen Abstand nur einen Namen. Dazu wird die Situation aus Sicht der Dur-/Moll-Tonleiter betrachtet. Schreitet man auf der Tonleiter von einem Ton zum nächsten, dann wird dabei meistens (nämlich in fünf von sieben Fällen) ein Ton des chromatischen Systems übersprungen. Dieser typische Schritt auf der Tonleiter gilt als ganzer Ton. Ein Ganzton besteht aus zwei Schritten auf der chromatischen Leiter, die folglich Halbtöne genannt werden.

Tonleiter mit Ton und Halbton

Ganzton (orange) und Halbton (gelb). Der Halbton ist eine fundamentale Einheit in der Musik. Alle Abstände zwischen zwei Tönen lassen sich als Anzahl von Halbtönen angeben. Die Dur-/Moll-Tonleiter enthält fünf Ganzton- und zwei Halbton­schritte.

Abstände zwischen Tönen heißen in der Musik Intervalle und spielen eine große Rolle, denn ein bestimmter Abstand steht ja auch für ein bestimmtes Frequenz­verhältnis und damit für eine bestimmte Art von Harmonie. Wegen dieser Bedeutung haben sich Namen für die verschiedenen Intervalle etabliert. Sie beruhen auf lateinischen Zahlwörtern. Die Namen beziehen sich aber nicht auf die Anzahl der Halbton­schritte, sondern maßgeblich ist einmal mehr die Dur-/Moll-Tonleiter.

Ein Beispiel. Ein Intervall von drei Schritten auf der Tonleiter heißt "Terz" nach dem lateinischen Wort für das Dritte. Das klingt recht einfach, aber ganz so gerad­linig ist es leider doch nicht. Erstens zählen Musiker auch den Ausgangston mit, deshalb ist eine Terz in Wahrheit nur zwei Schritte groß. Zweitens können zwei Schritte auf der Tonleiter verschiedene Intervalle ergeben, die Tonleiter ist ja unregel­mäßig. Der Name "Terz" allein ist nicht eindeutig. Es gibt kleine Terzen aus drei Halbton­schritten (6:5, hier blau) und große aus vier Halbton­schritten (5:4, grün):

Tonleiter mit Terzen

Insgesamt ergibt das Schema folgende Namen:

Schritte
auf der
Tonleiter
Halbton-
schritte
Name:
11 (2×)Kleine Sekunde
2 (5×)Große Sekunde
23 (4×)Kleine Terz6:5
4 (3×)Große Terz5:4
35 (6×)Quarte4:3
6 (1×)Tritonus7:5
46 (1×)Tritonus7:5
7 (6×)Quinte3:2
58 (3×)Kleine Sexte8:5
9 (4×)Große Sexte5:3
610 (5×)Kleine Septime
11 (2×)Große Septime
712Oktave2:1

Wir wissen nun also, wie unsere Periode aus 12 Halbtönen, die gleichzeitig ein Frequenz­verhältnis von 2:1 ist, offiziell heißt. Man durch­schreitet sie auf einer sieben­stufigen Tonleiter mit sieben Tönen, und der Musiker zählt noch den Ausgangston dazu. Deshalb "Oktave" wegen des lateinischen Wortes für das Achte. Auch die Quinte und die beiden Terzen sind extrem wichtige Intervalle in der Musik und werden hier z.B. in Teil 6 wieder auftauchen, wenn es um Akkorde geht.

Jedes der Intervalle hat seinen eigenen typischen Klang, ein paar Beispiele:

Kleine Terz

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Quinte

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Oktave

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Es fehlen noch Namen für die Töne. Um konkrete Töne wird es hier bei zugehört selten gehen, trotzdem sei das Prinzip kurz erläutert. Ich werde aber nur auf die international übliche Namens­gebung eingehen, mit der man spätestens bei der Arbeit mit Musik­software in Berührung kommt, und die auch etwas einfacher ist als die deutsche, die den Schreibfehler eines mittelalterlichen Mönchs mitschleift. (Dur und Moll nenne ich aber deutsch, was zu unüblichen Konstruktionen wie "Bb-Dur" führt.)

Wir hatten festgestellt: Die größte harmonische Nähe, die zwischen zwei Tönen bestehen kann, ist das Frequenz­verhältnis 2:1. Solche Töne im Abstand einer Oktave klingen trotz der unter­schiedlichen Tonhöhe so ähnlich, dass sie als der gleiche Ton betrachtet werden und den gleichen Namen erhalten. Ausgangs­punkt ist der Ton mit der Frequenz 440 Hz. Er heißt A. Folglich heißen die höheren Töne mit 880 Hz, 1760 Hz usw. sowie die tieferen mit 220 Hz, 110 Hz usw. ebenfalls A.

Diese Töne klingen irgendwie alle gleich. Deshalb heißen sie auch gleich, sie heißen alle A.

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Falls eine Unterscheidung nötig ist, werden die As durch­nummeriert; der bei 440 Hz ist A4.

Die übrigen Töne erhalten ihre Namen, indem von A aus eine Moll­tonleiter abgeschritten wird. Der zweite Ton der Tonleiter (2 Halbtöne über A) ist B. Der dritte (3 Halbtöne über A) ist C usw. Die fünf Töne, die nicht zur Tonleiter gehören, werden nach einem der benachbarten Töne benannt, wobei es jeweils zwei Möglichkeiten gibt. Der Ton kann als oberer ("erhöhter") Nachbar des darunter liegenden Tons betrachtet werden, gekenn­zeichnet durch ein "#" ("sharp"). Oder er wird als unterer ("verminderter") Nachbar des darüber liegenden Tons gesehen, gekenn­zeichnet durch ein "b" ("flat"). Der Ton zwischen A und B hat also zwei Namen: A# und Bb.

Töne mit Namen

Komplementärintervalle

Wenn nun aber die Töne im Abstand einer Oktave so ähnlich sind, dass sie sogar gleich heißen, dann hat das auch Konsequenzen für die Intervalle. Welches Intervall bilden A und D? Eine Quarte, natürlich. Aber nur, wenn man das D unmittelbar über dem A wählt. Nimmt man dagegen das erste D unter dem A, wird aus der Quarte eine Quinte. Quarte und Quinte sind also verwandt - durch bloßen Wechsel eines Tons in eine andere Oktave gehen sie ineinander über. Solche Intervalle werden komplementär genannt. Komplementär­intervalle ergänzen sich zu einer Oktave, d.h. die Summe ihrer Halbton­schritte ist 12, und das Produkt ihrer Frequenz­verhältnisse ist 2.

Die klangliche Verwandtschaft komplementärer Intervalle durchkreuzt auch die allgemeine Regel, dass einfache Frequenz­verhältnisse mehr Harmonie aufweisen als komplexe. So klingt z.B. die kleine Sexte (8:5) harmonischer als der Tritonus (7:5), denn sie komplementiert die große Terz (5:4). Es deutet sich an, dass die Regel mit den kleinen Zahlen nur eine Faust­regel ist, eine Annäherung an einen komplexeren Zusammen­hang. Für unsere Zwecke wird sie aber reichen.

Die Tonart

Aus welchem Vorrat an Tönen sich ein Stück bedienen kann, hängt sowohl von der Tonleiter als auch vom gewählten Grundton ab. Beide zusammen bilden die Tonart. So wird aus der Dur-Tonleiter mit Grundton C die Tonart C-Dur. Da jeder der 12 Töne des chromatischen Systems als Grundton gewählt werden kann, gibt es 12 Dur- und 12 Moll-Tonarten.