zugehört: Woraus ist Popmusik gemacht?

Teil 4:  Tonarten im Pop

Wie sieht es nun mit den Tonarten in der Popmusik aus? Mancher hat vielleicht die Vorstellung, Popmusik sei eine rebellische und experimentier­freudige Form von Musik. Das ist ein Irrtum. Genauer gesagt: Es gilt nur für die Wahl der Instrumente, den Stil des Gesangs und die klangliche Gestaltung. Was die musikalische Substanz angeht, sind die meisten Popstücke ausge­sprochen förmlich, einfach und streng. Das gilt auch für die Tonart. Die meisten Songs beruhen auf einfachem Dur oder Moll, behalten eine einzelne Tonart von Anfang bis Ende bei und verwenden nur Töne, die zu dieser Tonart gehören. (Bitte nicht von den Beispielen auf diesen Seiten in die Irre führen lassen. Das sind über­wiegend Sonder­fälle, also keine geeignete Stich­probe für irgendwas.)

Harry Styles "Sign of the Times"  2017 Player auf-/zuklappen

Der Song durchläuft eine hübsche Dramaturgie und steigert sich zwischen­zeitlich zum Getöse mit Streichern, Synthesizer­effekten und einem Chor. Aber zur Tonart ist nur eins zu vermelden: F-Dur.

Sehr verbreitet ist in der Popmusik das Verwenden einer eingeschränkten Tonleiter aus nur fünf Tönen für die Melodie, genannt Pentatonik. Die fünf Töne gehören alle zur sieben­stufigen Tonleiter des Stücks. Es werden quasi für die Melodie zwei der Töne weggelassen, nämlich die mit der geringsten Harmonie zu den übrigen. Hier als Beispiel die penta­tonische Moll-Tonleiter. Gegen­über Moll fehlen die kleinen Sekunden, also die Töne im Abstand eines Halbtons.

Tonleiter Moll

Tonleiter Moll-Pentatonik

Die Begleitung zur penta­tonischen Melodie greift dagegen sehr wohl auch auf Töne außerhalb der Penta­tonik zurück, was z.B. für Akkorde wichtig ist. Der Fall, dass ein komplettes Arrangement mit den Tönen der Pentatonik auskommt, ist eher selten.

Canned Heat "On the Road Again"  1968 Player auf-/zuklappen

Damit lassen wir die Masse der Popmusik schon hinter uns und wenden uns den interessanteren Fällen zu. Die nahe­liegendste Besonderheit ist das Verwenden leiter­fremder Töne. Das kann ganz dezent erfolgen oder auch im Exzess.

Suede "Trash"  1996 Player auf-/zuklappen

Eigentlich ein Dur-Stück, aber die Instrumente nehmen die Vorgabe recht locker. Kein leiter­fremder Ton bleibt hier verschont. Auffällig ist z.B. im Refrain bei "We're tra-a-ash, you and me" der harmonische Bruch auf dem "me".

Tonleiter

Jetzt kommt Bewegung ins Spiel, denn die Tonart eines Stücks ist nicht in Stein gemeißelt. Sie kann zwischendurch wechseln.

Rammstein "Mutter"  2002 Player auf-/zuklappen

Die einfachste Variante für einen Tonart­wechsel: es bleibt alles, wie es ist, gleiche Melodie und gleiche Harmonien, nur dass alles auf einen Schlag um ein paar Halbtöne verschoben wird. Die Tonleiter bleibt gleich, aber wegen des geänderten Grund­tons hat man es mit einer anderen Tonart zu tun. Sehr beliebt im Pop ist eine Verschiebung um zwei Halbtöne nach oben, auch bekannt als Truck Driver Modulation, weil es klingt, als würde die Musik einen Gang höher schalten. Meistens in der zweiten Hälfte angesiedelt, um bei den letzten Wieder­holungen des Refrains noch einmal Dampf zuzugeben, hier ziemlich genau zum letzten Drittel hin.

Tonleiter
Roxette "Listen to Your Heart"  1988 Player auf-/zuklappen

Das darf nach Pop-Maßstäben schon über­durch­schnittlich komplex genannt werden. Das Stück enthält eine Bridge ("And there are voices..."), die zwei Halbtöne über dem vorange­gangenen Teil steht. Danach (zwischen "wilder" und "than the wind") geht es nicht etwa die zwei Halbtöne wieder nach unten, sondern weitere zwei Halbtöne nach oben, so dass die hinteren Refrains eine große Terz höher stehen als die vorderen. Das Stück wandert durch drei Moll-Tonarten.

Tonleiter

Eine andere Variante für einen Tonart­wechsel ist, Strophe und Refrain verschieden auszuführen. Das Stück wechselt dann natur­gemäß mehrfach hin und her, und dabei sind sogar Wechsel zwischen Dur und Moll möglich.

Electric Light Orchestra "Turn to Stone"  1977 Player auf-/zuklappen

Strophen in Dur, Refrains in Moll. In der Strophe klingen außerdem ein paar leiter­fremde Töne mit. Übrigens einer der seltenen Fälle, in denen der Refrain dünner arrangiert ist als die Strophe.

Tonleiter

Jenseits von Dur und Moll

Dur und Moll sind die Regel im Pop, aber Ausnahmen gibt's durchaus. Sie reichen von subtilen Abweichungen bis hin zum völligen Bruch. Letzteres ist aber selten, meistens wird nur eine Tonleiter benutzt, die sich von Dur und Moll leicht unterscheidet. Von einigen dieser alternativen Tonleitern wissen wir im Prinzip schon. Wir hatten in Teil 3 gesehen, dass die Tonleitern von Dur und Moll bei periodischer Wieder­holung das gleiche Muster aufweisen, sich also nur in der Wahl des Grundtons unterscheiden. Das Muster hat aber noch fünf weitere Töne, die ebenfalls als Grundton gewählt werden können, was fünf weitere Tonleitern ergibt, die sogenannten Kirchen­tonleitern. (Die werden heute so genannt, weil sie die sakrale Musik des Mittel­alters geprägt haben, bevor Dur und Moll in Mode kamen.)

Tonleiter

Allerdings klingen sie Dur und Moll sehr ähnlich. Die Besonderheiten sind für Laien kaum wahrzu­nehmen, was mich einschließt. Deshalb soll eine der fünf als Beispiel reichen, die phrygische Tonleiter, die sich nur in einem Ton von der Moll-Tonleiter unterscheidet:

Tonleiter Moll

Tonleiter Phrygisch

Beispiel Phrygisch

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Björk "Venus as a Boy"  1993 Player auf-/zuklappen

In Moll würde das etwa so klingen:

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Eine der Kirchen­tonleitern ist eher theoretisch, denn ihr fehlt die (reine) Quinte über dem Grundton und damit ein harmonischer Grund­akkord. (Um Akkorde wird es in Teil 6 gehen.)

Tonleiter und Quinte

Die übrigen vier klingen sehr anständig und nur leicht ungewöhnlich. Alle vier sind in der Popmusik gelegentlich zu hören.

Es verbleiben die Exoten. Wenn eine Tonleiter keine starre Vorgabe ist, sondern hin und her wechseln darf und sowieso Töne erlaubt, die sie nicht enthält, dann ist quasi alles erlaubt. Letztendlich hat das chromatische System zwölf Töne, und es steht jedem Komponisten frei, sich daraus zu bedienen. Zwischen dem ersten leiter­fremden Ton und der völligen Auflösung des Konzepts Tonleiter ist ein weiter Raum, der sich viel­gestaltig füllen lässt.

Bon Jovi "Wanted Dead or Alive"  1987 Player auf-/zuklappen

Kombination zweier Besonderheiten (man korrigiere mich, falls ich mich irre): Kirchen­ton­leiter und intensive Verwendung eines einzelnen leiter­fremden Tons bis hinein in die Melodie und die tragenden Akkorde. Das Ergebnis ist aber noch gefällig und klingt nur leicht ungewöhnlich.

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Tonleiter
Yes "Don't Kill the Whale"  1978 Player auf-/zuklappen

Unergründlich und bewusst auf den Bruch mit der Harmonie hin komponiert.

Tonleiter
Vangelis "Blade Runner (End Titles)"  1982 Player auf-/zuklappen
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Hier spielt ein Step Sequencer. Eine kurze Tonfolge läuft in der Dauer­schleife und wird dabei immer wieder um ein paar Halbtöne verschoben. Das Ergebnis hat mit Dur oder Moll wenig zu tun. Das Stück verdankt seine entrückte Atmosphäre also nicht nur dem Klang der Synthesizer.

Tonleiter