zugehört: Woraus ist Popmusik gemacht?

Teil 4:  Tonarten im Pop

Wie sieht es nun mit den Tonarten in der Popmusik aus? Mancher hat vielleicht die Vorstellung, Popmusik sei eine rebellische und experimentier­freudige Form von Musik. Das ist ein Irrtum. Genauer gesagt: Es gilt nur für die Wahl der Instrumente, den Stil des Gesangs und die klangliche Gestaltung. Was die musikalische Substanz angeht, sind die meisten Popstücke ausge­sprochen förmlich, einfach und streng. Das gilt auch für die Tonart. Die meisten Songs beruhen auf einfachem Dur oder Moll, behalten eine einzelne Tonart von Anfang bis Ende bei und verwenden nur Töne, die zu dieser Tonart gehören. (Bitte nicht von den Beispielen auf diesen Seiten in die Irre führen lassen. Das sind über­wiegend Sonder­fälle, also keine geeignete Stich­probe für irgendwas.)

siehe Playlist Harry Styles
"Sign of the Times"

Der Song durchläuft eine hübsche Dramaturgie und steigert sich zwischen­zeitlich zum Getöse mit Streichern, Synthesizer­effekten und einem Chor. Aber zur Tonart ist nur eins zu sagen: F-Dur.

Tonleiter

Damit lassen wir die Masse der Popmusik schon hinter uns und wenden uns den interessanteren Fällen zu. Die nahe­liegendste Besonderheit ist das Verwenden leiter­fremder Töne. Das kann ganz dezent erfolgen oder auch im Exzess.

siehe Playlist Suede
"Trash"

Eigentlich ein Dur-Stück, aber kein leiter­fremder Ton bleibt hier verschont. Auffällig ist z.B. im Refrain bei "We're tra-a-ash, you and me" der harmonische Bruch auf dem "me".

Tonleiter

Übrigens ist klassische Musik in dieser Hinsicht geradezu wild und progressiv, verglichen mit Popmusik. Der Einsatz leiter­fremder Töne ist dort nämlich keine bemerkens­werte Besonderheit, sondern der Regel­fall.

Jetzt kommt Bewegung ins Spiel, denn die Tonart eines Stücks ist nicht in Stein gemeißelt. Sie kann zwischendurch wechseln.

siehe Playlist Rammstein
"Mutter"

Die einfachste Variante für einen Tonart­wechsel: es bleibt alles, wie es ist, gleiche Melodie und gleiche Harmonien, nur dass alles auf einen Schlag um ein paar Halbtöne verschoben wird. Die Tonleiter bleibt gleich, aber wegen des geänderten Grund­tons hat man es mit einer anderen Tonart zu tun. Sehr beliebt im Pop ist eine Verschiebung um zwei Halbtöne nach oben, auch bekannt als Truck Driver Modulation, weil es klingt, als würde die Musik einen Gang höher schalten. Meistens in der zweiten Hälfte angesiedelt, um bei den letzten Wieder­holungen des Refrains noch einmal Dampf zuzugeben, hier ziemlich genau zum letzten Drittel hin.

Tonleiter
siehe Playlist Roxette
"Listen to Your Heart"

Das darf nach Pop-Maßstäben schon über­durch­schnittlich komplex genannt werden. Das Stück enthält eine Bridge ("And there are voices..."), die zwei Halbtöne über dem vorange­gangenen Teil steht. Danach (zwischen "wilder" und "than the wind") geht es nicht etwa die zwei Halbtöne wieder nach unten, sondern weitere zwei Halbtöne nach oben, so dass die hinteren Refrains eine große Terz höher stehen als die vorderen. Das Stück wandert durch drei Moll-Tonarten.

Tonleiter

Eine andere Variante für einen Tonart­wechsel ist, Strophe und Refrain verschieden auszuführen. Das Stück wechselt dann natur­gemäß mehrfach hin und her, und dabei sind sogar Wechsel zwischen Dur und Moll möglich.

siehe Playlist Electric Light Orchestra
"Turn to Stone"

Strophen in Dur, Refrains in Moll. In der Strophe klingen außerdem ein paar leiter­fremde Töne mit. Übrigens einer der seltenen Fälle, in denen der Refrain dünner arrangiert ist als die Strophe.

Tonleiter

Alternativen

Dur und Moll sind die Regel im Pop, aber Ausnahmen gibt's durchaus. Sie reichen von subtilen Abweichungen bis hin zum völligen Bruch. Letzteres ist aber selten, meistens wird nur eine Tonleiter benutzt, die sich von Dur und Moll leicht unterscheidet. Von einigen dieser alternativen Tonleitern wissen wir im Prinzip schon. Wir hatten in Teil 3 gesehen, dass die Tonleitern von Dur und Moll bei periodischer Wieder­holung das gleiche Muster aufweisen, sich also nur in der Wahl des Grundtons unterscheiden. Das Muster hat aber noch fünf weitere Töne, die ebenfalls als Grundton gewählt werden können, was fünf weitere Tonleitern ergibt, die sogenannten Kirchen­tonleitern. (Der Name rührt daher, dass diese Tonleitern die sakrale Musik des Mittel­alters geprägt haben, bevor Dur und Moll in Mode kamen.)

Tonleiter

Allerdings klingen sie Dur und Moll sehr ähnlich. Die Besonderheiten sind für Laien kaum wahrzu­nehmen, was mich einschließt. Deshalb soll eine der fünf als Beispiel reichen, die phrygische Tonleiter, die sich nur in einem Ton von der Moll-Tonleiter unterscheidet:

Tonleiter Moll

Tonleiter Phrygisch

Beispiel Phrygisch

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siehe Playlist Björk
"Venus as a Boy"

In Moll würde das etwa so klingen

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Eine der Kirchen­tonleitern ist eher theoretisch, denn ihr fehlt die (reine) Quinte über dem Grundton und damit ein harmonischer Grund­akkord. (Um Akkorde wird es in Teil 6 gehen.)

Tonleiter und Quinte

Die übrigen vier klingen sehr anständig und nur leicht ungewöhnlich. Alle vier sind in der Popmusik gelegentlich zu hören.

Alles ist möglich

Es gibt in der Musik keine Regel, die nicht gebrochen werden könnte. Letztendlich hat das chromatische System zwölf Töne, und es steht jedem Komponisten frei, sich daraus zu bedienen. Die klassischen Tonarten können dabei in weite Ferne rücken, theoretisch bis hin zur völligen Verabschiedung. Popmusik mag nicht der Inbegriff solcher Ambitionen sein, aber wer sucht, der findet vermutlich auch hier jeden erdenklichen Regel­bruch.

siehe Playlist Elton John
"Nikita"

Über weite Strecken eine unauffällige Komposition in althergebrachtem Dur. Für das kuriose Synthi-Solo in der zweiten Hälfte gilt das freilich nicht. (In Teil 7 werden wir sehen, dass der Wahnsinn durchaus Methode hat.)

siehe Playlist The Beach Boys
"God Only Knows"

Ein Vorreiter beim freizügigen Umgang mit der Tonart, veröffentlicht 1966. (Auch dazu mehr in Teil 7.)

siehe Playlist Bon Jovi
"Wanted Dead or Alive"

Das klingt recht gefällig, aber in Dur oder Moll gedacht, passen schon die Akkorde, die hier aneinander­gereiht sind, nicht zusammen.

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siehe Playlist Vangelis
"Blade Runner (End Titles)"

Hier spielt ein Sequencer. Eine kurze Tonfolge läuft in der Dauer­schleife und wird dabei immer wieder um ein paar Halbtöne verschoben. Das Ergebnis hat mit Dur oder Moll wenig zu tun. Das Stück verdankt seine entrückte Atmosphäre also nicht nur dem Klang der Synthesizer.

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siehe Playlist Yes
"Don't Kill the Whale"

Ohne Worte.