zugehört: Woraus ist Popmusik gemacht?

Teil 4:  Tonarten im Pop

Wie sieht es nun mit den Tonarten in der Popmusik aus? Mancher hat vielleicht die Vorstellung, Popmusik sei eine rebellische und experimentier­freudige Form von Musik. Das ist ein Irrtum. Genauer gesagt: Es gilt nur für die Wahl der Instrumente, den Stil des Gesangs und die klangliche Gestaltung. Was die musikalische Substanz angeht, sind die meisten Popstücke ausge­sprochen förmlich, einfach und streng. Das gilt auch für die Tonart. Typische Popmusik ist in dieser Hinsicht so wild und progressiv wie eine Rokoko-Motette. Die meisten Songs beruhen auf einfachem Dur oder Moll und behalten eine einzelne Tonart von Anfang bis Ende bei. (Bitte nicht von den Beispielen auf diesen Seiten in die Irre führen lassen. Das sind über­wiegend Sonder­fälle, also keine geeignete Stich­probe für irgendwas.)

Harry Styles "Sign of the Times"  2017 Player auf-/zuklappen

Der Song durchläuft eine hübsche Dramaturgie und steigert sich zwischen­zeitlich zum Getöse mit Streichern, Synthesizer­effekten und einem Chor. Aber zur Tonart ist nur eins zu vermelden: F-Dur.

Damit lassen wir die Masse der Popmusik schon hinter uns und wenden uns den interessanteren Fällen zu. Auch ohne die strenge Welt von Dur und Moll zu verlassen, erlaubt die Tonart schon einige Spielereien. Ein Stück kann sie nämlich wechseln.

Rammstein "Mutter"  2002 Player auf-/zuklappen

Die einfachste Variante für einen Tonart­wechsel: alle Töne werden auf einen Schlag um ein paar Halbtöne verschoben. Eine sogenannte Rückung. Die Tonleiter bleibt gleich, aber wegen des geänderten Grund­tons hat man es mit einer anderen Tonart zu tun. Die Verschiebung erfolgt im Pop typischer­weise nach oben und typischer­weise zum Ende des Stücks hin. Es folgt meistens nichts neues mehr. Die schon vorge­tragenen Elemente wie z.B. der Refrain werden einfach in der anderen Tonart wiederholt und wirken nun verschärft. In diesem Song gibt es eine Verschiebung um zwei Halbtöne zum letzten Drittel.

Roxette "Listen to Your Heart"  1988 Player auf-/zuklappen

Das darf nach Pop-Maßstäben schon über­durch­schnittlich komplex genannt werden. Das Stück enthält eine Bridge ("And there are voices..."), die zwei Halbtöne über dem vorange­gangenen Teil steht. Danach (zwischen "wilder" und "than the wind") geht es nicht etwa die zwei Halbtöne wieder nach unten, sondern weitere zwei Halbtöne nach oben, so dass die hinteren Refrains eine große Terz höher stehen als die vorderen. Das Stück wandert durch drei Moll-Tonarten.

Eine andere, sehr naheliegende Variante für einen Tonart­wechsel ist, Strophe und Refrain verschieden auszuführen. Das Stück wechselt dann natur­gemäß mehrfach hin und her, und dabei sind sogar Wechsel zwischen Dur und Moll möglich.

The Beach Boys "Don't Worry Baby"  1964 Player auf-/zuklappen

Die Strophen in Moll, die Refrains in Dur. Der erste Wechsel erfolgt auf "realize". Das Stück ist auch ein Beispiel dafür, dass das Arrangement den Wechsel nicht unbedingt dramatisch betonen muss.

Jenseits von Dur und Moll

Dur und Moll sind die Regel im Pop, aber Ausnahmen gibt's durchaus. Sie reichen von subtilen Abweichungen bis hin zum völligen Bruch. Beginnen wir direkt mit Letzterem.

Yes "Don't Kill the Whale"  1978 Player auf-/zuklappen

Von einer Tonleiter kann hier keine Rede sein.

Tonleiter

Weniger auffällig sind Songs, die sehr wohl eine Tonleiter verwenden, nur eben eine andere als Dur oder Moll. Von einigen dieser alternativen Tonleitern wissen wir im Prinzip schon. Wir hatten in Teil 3 gesehen, dass die Tonleitern von Dur und Moll bei periodischer Wieder­holung das gleiche Muster aufweisen, sich also nur in der Wahl des Grundtons unterscheiden. Das Muster hat aber noch fünf weitere Töne, die ebenfalls als Grundton gewählt werden können, was fünf weitere Tonleitern ergibt, die sogenannten Kirchen­tonleitern.

Tonleiter

Allerdings klingen sie Dur und Moll sehr ähnlich. Die Besonderheiten sind für Laien kaum wahrzu­nehmen, was mich einschließt. Deshalb soll eine der fünf als Beispiel reichen, die phrygische Tonleiter, die sich nur in einem Ton von der Moll-Tonleiter unterscheidet:

Tonleiter Moll

Tonleiter Phrygisch

Beispiel Phrygisch.

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Björk "Venus as a Boy"  1993 Player auf-/zuklappen

In Moll würde das etwa so klingen:

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Eine der Kirchen­tonleitern ist eher theoretisch, denn ihr fehlt die Quinte über dem Grundton und damit ein harmonischer Grund­akkord. (Um Akkorde wird es in Teil 6 gehen.)

Tonleiter und Quinte

Die übrigen vier klingen sehr anständig und nur leicht ungewöhnlich. Ich vermute einen nennens­werten Anteil in der Popmusik.

Nicht alle Tonleitern haben sieben Töne. Es geht z.B. auch mit weniger. Leitern mit weniger als sieben Tönen haben meistens fünf. In der Popmusik werden solche fünf­stufigen ("penta­tonischen") Leitern gern für Melodien benutzt. Die wichtigsten fünf­stufigen Leitern sind Teil­mengen einer Dur- oder Moll-Tonleiter und können deshalb ohne Bruch mit der Tonart eines Stücks für die Melodie benutzt werden. Es fehlen die beiden Töne mit der geringsten Harmonie zu den übrigen. Dadurch wird es einerseits einfacher, eine schöne Melodie zu finden. Anderer­seits geht aber auch potenzielle Spannung verloren. Hier als Beispiel die penta­tonische Moll-Tonleiter. Gegen­über Moll fehlen die kleinen Sekunden, also die Töne im Abstand eines Halbtons.

Tonleiter Moll

Tonleiter Moll-Pentatonik

Komplette Songs in Pentatonik sind eher selten, da die Leitern zu wenige harmonische Akkorde hergeben (nämlich nur zwei).

Canned Heat "On the Road Again"  1968 Player auf-/zuklappen

Umgekehrt finden sich erweiterte Tonleitern mit mehr als sieben Tönen.

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Bon Jovi "Wanted Dead or Alive"  1987 Player auf-/zuklappen

Sowohl die Melodie als auch die Akkorde brechen aus der sieben­stufigen Leiter aus. Allerdings fügen sie ihr nur einen einzigen Ton hinzu, deshalb klingt das Ganze nur ein kleines bisschen schief.

Tonleiter

Dann gibt es noch die Step Sequencer der elektronischen Musik.

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Vangelis "Blade Runner (End Titles)"  1982 Player auf-/zuklappen

Ein Step Sequencer spielt eine kurze Tonfolge in Dauer­schleife. Läuft diese Tonfolge, wie es hier der Fall ist, nach­einander mit verschiedenen Grund­tönen, dann ist das Ergebnis selten regel­konform im Sinne von Dur oder Moll. Das Stück verdankt seine entrückte Atmosphäre also nicht nur dem Klang der Synthesizer.

Tonleiter