zugehört: Woraus ist Popmusik gemacht?

Teil 5:  Takt

Nachdem es bisher nur um die Verhält­nisse von Tönen ging, kommt in diesem Teil der Faktor Zeit ins Spiel. Musik­stücke sind in der Regel streng strukturiert, ihnen liegt eine gleich­mäßige Abfolge von Zähl­zeiten zugrunde. Die betonten Stellen im Gesang und im Spiel der Instrumente fallen ganz über­wiegend mit diesen Zähl­zeiten zusammen. Das Muster der Betonung wiederholt sich zyklisch. Ein solcher Zyklus aus wenigen Zähl­zeiten wird ein Takt genannt. Ein Takt beginnt mit der am stärksten betonten Zähl­zeit im Zyklus, die Zählung fängt dort wieder bei 1 an.

Ein Rhythmus als Beispiel. Zu hören sind zwei Takte mit jeweils vier Zähl­zeiten, also insgesamt acht Zähl­zeiten mit der Zählung 1-2-3-4-1-2-3-4. Achtung: Es geht hier erst mal nur um die Abfolge und den Zyklus der Zähl­zeiten, nicht um die konkrete Gestaltung der Zähl­zeiten, z.B. per Schlag­zeug. Diese kann je nach Rhythmus verschieden sein und bei gleich bleibendem Takt auch wechseln.

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Wie schon bei der Tonart, ist der Großteil der Popmusik auch in Sachen Takt nicht sehr experi­mentier­freudig. Meistens zieht sich ein nahezu konstanter Takt von der ersten bis zur letzten Sekunde durch das Stück, durch alle Strophen und Refrains und Gitarren­soli, durch sanfte wie intensive Passagen und selbst durch vermeint­liche Päuslein. Folgendes Beispiel verwendet durch­gehend den Takt von eben, 1-2-3-4-1-2-3-4:

Slade "My Oh My"  1983 Player auf-/zuklappen

Schön zu erkennen ist die Ausrichtung des Gesangs am Takt. Auf die erste, am stärksten betonte Zähl­zeit fallen nicht etwa die Anfänge der Text­zeilen, sondern die betonten Silben.

Die beiden Haupt­merkmale des Takts machen zusammen die Taktart aus: die Anzahl der Zähl­zeiten pro Takt und die zeitliche Länge einer Zähl­zeit. 6/8-Takt (gesprochen "sechs Achtel") steht z.B. für sechs Zähl­zeiten pro Takt, die jeweils eine Achtel­note lang sind. Der weitaus größte Teil der Popmusik steht im 4/4-Takt, darunter auch obiges Beispiel, das somit Stellver­treter für Millionen Popsongs ist.

Der Takt hat natürlich viel mit dem Zyklus des Rhythmus zu tun und ist mit diesem oft identisch. Im Beispiel von eben ist das der Fall. Zwei Takte, zwei Zyklen:

4/4
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Das ist aber nicht immer so. Der Zyklus kann auch kürzer sein und wieder­holt sich dann eben schon innerhalb eines Taktes. Zwei Takte, vier Zyklen:

4/4
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Tom Petty "Runnin' Down a Dream"  1989 Player auf-/zuklappen

Tripeltakt

Andere Taktarten als 4/4 fristen in der Popmusik ein Dasein von wenigen Prozent Anteil, und zwar gemeinsam. Innerhalb dieser Gruppe wiederum dominiert Tripel­takt. Unter diesem Begriff werden alle Takt­arten zusammen­gefasst, deren Zähler (Zähl­zeiten pro Takt) durch 3 teilbar ist, also z.B. 6/8. Da der rhythmische Zyklus, wie eben gesehen, nicht immer mit einem Takt überein­stimmt, ist die genaue Taktart schwer zu erkennen. Eindeutig ist aber meistens die prinzipielle Zuge­hörigkeit zur Gruppe der Tripel­takte, da sich die Drei auch im Rhythmus wiederfindet.

Oft ist das ein Rhythmus aus sechs Achtel­noten, hier zwei Zyklen:

Tripeltakt
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Falls das einer schunkelig findet: Stimmt. Die meisten Songs dieser Art sind Balladen.

Metallica "Nothing Else Matters"  1992 Player auf-/zuklappen

Andere Varianten kommen aber auch vor, z.B. dieser kurze Zyklus aus drei Achteln:

Tripeltakt
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Guano Apes "Innocent Greed"  2000 Player auf-/zuklappen

Tripeltakt gibt's auch in Sechzehnteln:

Kim Wilde "Take Me Tonight"  1982 Player auf-/zuklappen

Was man in den 80ern so gehört hat. Haupt­sächlich tripelt hier der Sequencer, der Gesang scheint sich regel­recht dagegen zu sträuben. In der Bridge dann aber doch typischer Tripel-Rhythmus.

Synkopen

Nicht immer stimmen die Anschläge der Instrumente mit den Zähl­zeiten überein. Sie können zeitlich verschoben (synkopiert) sein.

Fleetwood Mac "Black Magic Woman"  1968 Player auf-/zuklappen

4/4-Takt mit synkopiertem Schlagzeug. Der erste Schlag kommt auf der Eins, der dritte auf der Vier. Der mittlere, zweite aber weder auf der Zwei noch auf der Drei, sondern dazwischen.

Radiohead "Pyramid Song"  2001 Player auf-/zuklappen

4/4-Takt mit einem synkopierten Piano-Rhythmus, der zwei Takte umfasst. Da andere Rhythmus­instrumente fehlen und außerdem die Akkord­wechsel ebenfalls unregel­mäßig sind, ist die Taktart kaum noch zu erkennen. Legt man eine einfache Schlag­zeug­begleitung dazu, so dass der Takt leichter nachzu­vollziehen ist, dann klingt das schon viel weniger verrückt:

synkopiertes Piano
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Grenzgänger und Exoten

Wie die Tonart, kann auch die Taktart innerhalb eines Stücks wechseln.

The Beatles "Lucy in the Sky with Diamonds"  1967 Player auf-/zuklappen

Die Strophen in Tripeltakt, die Refrains in 4/4.

Und gleich nochmal die Beatles:

The Beatles "With a Little Help from My Friends"  1967 Player auf-/zuklappen
Joe Cocker "With a Little Help from My Friends"  1968 Player auf-/zuklappen

Das Original steht in 4/4, die Cover­version von Joe Cocker ist auf Tripel­takt umgeschrieben. Das bringt einen ganz anderen Rhythmus und macht aus einem lässigen Stück ein dramatisches.

Dann gibt es noch den seltenen 7/4-Takt. Das sieht ziemlich schief aus, und man könnte erwarten, dass solche Stücke recht auffällig sind, aber das muss gar nicht sein.

Peter Gabriel "Solsbury Hill"  1977 Player auf-/zuklappen

Zum Abschluss was Nettes zum Selber­zählen.

A Perfect Circle "Gravity"  2003 Player auf-/zuklappen