zugehört: Woraus ist Popmusik gemacht?

Teil 8:  Gitarre, Bass und Schlagzeug

Der Vollständigkeit halber ein kurzer Blick auf die wichtigsten Instrumente. Vertiefung ist bei Bedarf leicht zu finden, z.B. in der Wikipedia.

Bevor es aber um die Instrumente selbst geht, soll eine Technik gewürdigt werden, die die Welt der Instrumente erschüttert hat wie keine andere und die Popmusik quasi begründet.

Der heimliche Held: die Verstärkung

Es gibt in Bezug auf den Gesang ein interessantes Phänomen. Popmusik ist Gesangsmusik, in fast allen Chart-Hits wird gesungen. Bei klassischer Musik ist das aber nicht so, die beliebtesten Stücke sind nicht samt und sonders Arien, im Gegenteil, es herrschen instrumentale Werke vor. Wie kommt das? Wie kann sich der Geschmack der Hörer in den beiden Welten so stark unter­scheiden?

Die wahrscheinlichste Erklärung hat damit zu tun, dass der Gesang ein ganz verschiedener ist. Die Sänger in der Oper und im klassischen Konzert singen ohne Verstärkung in großen Sälen und haben deshalb keine andere Wahl, als ihren Text mit einer Art kunst­vollem Schreien vorzutragen. In der Popmusik ist das anders, dort wird der Gesang verstärkt. Im einfachsten Fall erledigt das die Kombination Mikrofon-Verstärker-Lautsprecher. Heute sind die Dinge oft etwas komplizierter, speziell bei Studio­musik, dort erfolgt die relative Verstärkung beim Abmischen. Mittels Verstärkung können beliebig leise Klänge beliebig laut gemacht werden. Das ändert vieles, Notwendigkeiten entfallen, Möglichkeiten eröffnen sich. Der Sänger kann schreien, er kann aber auch flüstern oder mit ganz natürlicher Stimme singen. Wo die Vorlieben der Hörerschaft liegen, lässt sich an den Charts ablesen, bei der Opern­knödelei liegen sie nicht.

Mit der Befreiung vom Zwang zur Lautstärke ermöglicht die Verstärkung den viel­fältigen Pop-Gesang, der für jeden Geschmack eine Ecke parat hat, und den die meisten Hörer offenbar nicht missen wollen. Auch bei den Instrumenten entstehen nie dagewesene Freiheiten. Mit Verstärkung können Instrumente in den Vorder­grund treten, die sonst viel zu leise dafür wären, z.B. eine Gitarre. Die Verstärkung ist der große Gleich­macher. Kein Instrument ist mehr durch seine natürliche Lautheit bevorteilt oder gehandicapt, jedes kann ganz vorn oder ganz hinten sein, entscheidend ist allein das künstlerische Konzept.

Metallica "Bleeding Me" (Live mit Orchester)  1999 Player auf-/zuklappen

Die Gitarre

Die Gitarre ist eine Variante der Laute, eines uralten Erbstücks aus dem Nebel der Vorgeschichte. Es gibt sie bekanntlich in zwei Versionen, akustisch und elektrisch, und das ist auch gleich die erste Auffälligkeit. Man könnte jedes Instrument mit Mikrofonen versehen und einen Verstärker daneben stellen, warum ist dieses Prinzip mit der Gitarre derart verwachsen und mit den anderen Instrumenten nicht? Nun: weil die Gitarre davon profitiert wie kein anderes. Wir kennen die Gitarre als Instrument mit heraus­gehobener Stellung (kurzes Lauschen am Radio sollte jeden Zweifel ausräumen), aber dazu wurde sie erst durch die elektronische Verstärkung.

Die Verstärkung behebt erstens das alte Problem der Gitarre, gegenüber anderen Instrumenten relativ leise zu sein. Im Ensemble war sie zuvor nur zu gebrauchen, um den Rhythmus zu betonen und einen dezenten Klang­teppich auszubreiten. Der Trompeter brillierte mit einem Solo, und der Gitarrist durfte brav dazu mitschrammeln.

Weiterhin hat die E-Gitarre einen neuen Charakter, besonders bei Über­steuerung des Verstärkers. Die Saiten klingen länger aus, was fast vergessen lässt, dass es sich um ein Zupf­instrument handelt, und außerdem manche Spiel­techniken erst so richtig interessant macht. Der Gitarrist greift ja mit mindestens einer Hand direkt in die Saiten, kann dort Kunst­stücke vollführen, und von denen ist mit Elektronik mehr zu hören als ohne. So hat die Verstärkung die Gitarre nicht nur in den Vorder­grund geholt, sondern ihr oben­drein ungeahnte Ausdrucks­möglichkeiten gegeben.

Jimi Hendrix "Star Spangled Banner"  1969 Player auf-/zuklappen

Die Verstärkung ist auch der Grund dafür, dass die elektrische Gitarre anders aussieht als die akustische: der Resonanz­körper entfällt. Der ist nämlich überflüssig, wenn das Instrument sowieso immer mit Verstärker gespielt wird, und kann durch ein handliches Brett ersetzt werden.

Drei Arten der Verstärkung: links klassisch mit Resonanz­körper, Mitte mit Resonator (ein mechanischer Lautsprecher, ja das gibt's), rechts mit Ton­abnehmern für separaten elektronischen Verstärker.

Zu den Besonderheiten der Gitarre gehört auch, dass sie als eins von nur sehr wenigen tragbaren Instrumenten mehr als zwei Töne gleich­zeitig und somit Akkorde hervor­bringen kann. Dazu werden die Saiten des Akkords nicht einzeln gezupft, sondern mit einer schnellen Bewegung gemeinsam angeschlagen. Die Gitarre hat also zwei Spiel­weisen, denn das Spielen einzelner Saiten ist natürlich auch möglich. Die Techniken lassen sich kombinieren, aber meistens neigt das Spiel deutlich zur einen oder anderen Seite.

Aimee Mann "Drive"  2018 Player auf-/zuklappen
Mason Williams "Classical Gas"  1968 Player auf-/zuklappen

Im lauten musikalischen Umfeld wurden lange Zeit nur Akkorde geschlagen, Einzel­töne ergeben dort erst mit elektronischer Verstärkung Sinn. Rock­bands haben meistens zwei Gitarren, für jede Technik eine: der Lead­gitarrist spielt Einzel­töne, der Rhythmus­gitarrist Akkorde. (Manchmal spielen auch beide Einzel­töne wie in "Bleeding Me", siehe oben.) Zusammen mit dem ähnlich aussehenden E-Bass entsteht das typische Drei-Gitarren-Bild, das so viele Bands abgeben und abgegeben haben, von den Beatles bis Metallica.

Wie funktioniert nun die Gitarre? Die Grund­idee aller Lauten ist das Ausnutzen einer Gesetz­mäßigkeit. Die Frequenz einer schwingenden Saite ist bei gleicher Beschaffenheit und Spannung umgekehrt proportional zu ihrer Länge. Die halbe Länge bewirkt z.B. die doppelte Frequenz. Wenn nun das Instrument geschickt konstruiert ist, lässt sich die Länge einer Saite während des Spiels verändern. Bei der Gitarre/Laute geschieht das mit dem Finger. Die Saite wird punktuell auf den Hals gedrückt und schwingt dann nicht mehr über die gesamte Länge, sondern nur noch bis zu dieser Stelle. So können mit einer einzelnen Saite ganz verschiedene Töne erzeugt werden, nämlich neben dem Ton, den sie beim freien Schwingen abgibt, theoretisch auch alle, die höher sind.

Die Saitenlängen für die Töne einer Oktave, nach unten in Halb­ton­schritten höher werdend. Mit Punkten markiert sind neben der Oktave (halbe Länge = doppelte Frequenz) die kleine Terz, Quarte und Quinte.

Die nächsten Oktaven, zunehmend theoretisch:

Während andere Saiten­instrumente wie Klavier oder Harfe für jeden Ton eine eigene Saite brauchen, können auf der Gitarre mit nur sechs Saiten 40 bis 50 verschiedene Töne gespielt werden. Der Preis für den einfachen Aufbau ist erhöhter Aufwand beim Spielen. Eine Hand ist damit beschäftigt, die Saiten zu verkürzen, und oft sind das mehrere gleichzeitig.

Etwas unglücklich wirkt sich das Funktions­prinzip der Gitarre bei Akkorden aus. Dort sind zwei Dinge wichtig. Einerseits sollen möglichst viele Saiten einbezogen werden, um einen fülligen Klang zu erreichen, idealer­weise alle sechs. Anderer­seits sollen möglichst wenige Saiten verkürzt werden müssen, denn je einfacher die Griffe ausfallen, umso flüssiger lässt sich spielen. In der Kombination bedeuten diese zwei Ziele, möglichst viele Saiten frei schwingend, also unverkürzt zu verwenden. Nun sind aber die Saiten, die frei schwingen dürfen, weil der Ton passt, bei jedem Akkord andere, und damit wird's kompliziert. Gitarren-Akkorde sind eine Wissenschaft. Ein Vergleich: Um alle Moll-Akkorde des Klaviers zu kennen, muss man nur wissen, was ein Moll-Akkord ist. Für die Moll-Akkorde der Gitarre braucht man eine Anleitung, jeder ist ein Unikat. Manche sind kinderleicht, für andere sind fünf Saiten zu verkürzen (und das mit vier Fingern).

Ein Dauerbrenner bei der Gitarre ist die Frage, wie die Saiten gestimmt werden sollten, d.h. welche Töne sie im offenen Zustand abgeben sollten. Theoretisch gibt es dafür sehr viele Möglichkeiten, und über die Jahr­hunderte hat man sich durchaus ausgetobt. Mittler­weile hat sich aber eine Standard­stimmung etabliert. Darauf beruhen auch die meisten Kurse und Tabulaturen. Diese Stimmung ist "linear", d.h. die Saiten sind nach der Tonhöhe sortiert. Benachbarte Saiten haben jeweils den Abstand einer Quarte, mit einer kleinen Ausnahme. Das wichtigste Ziel der Stimmung ist, einfache Griffe zu erreichen. Weil das aber nicht so ganz unabhängig vom persönlichen Geschmack und der gespielten Musik ist, sind neben der Standard­stimmung nach wie vor auch andere im Gebrauch.

Beliebtes Zubehör zur elektrischen Version sind Effekt­geräte. Damit lässt sich der Klang auf diverse Arten verformen. Um Effekte geht es im letzten Teil von zugehört.

Screenshot

Der Bass

Mit dem Bass ist in der Popmusik der E-Bass gemeint, die elektronisch verstärkte Version der Bass­gitarre. Die Verstärkung ist hier wegen der tiefen Töne noch wichtiger als bei der Gitarre, selbst die wenig gebräuchliche akustische Version mit Resonanz­körper wird oft mit Verstärker gespielt.

Wie die Gitarre, kommt natürlich auch der E-Bass von der Laute. Die Erblinie führt über den monströsen Kontra­bass und konvergiert in der Popmusik wieder so weit zur Gitarre, dass der Laie das Instrument leicht für eine solche halten kann. Tatsächlich sind die konstruktiven Unterschiede gering: Der Bass hat längere Saiten, was eine etwas andere Geometrie mit sich bringt, und es sind typischer­weise nur vier Saiten statt sechs.

Gespielt wird der Bass in Einzel­tönen. Akkorde aus so tiefen Tönen sind unüblich, sie neigen zum dröhnen.

Der Bass ist vermutlich das unauffälligste Instrument in der Popmusik, sehr auffällig wäre aber das Fehlen. Die Bass­töne haben in den meisten Kompositionen eine tragende harmonische Funktion, nicht nur im Pop. Außerdem unter­stützen sie den Rhythmus.

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Muse "Darkshines"  2001 Player auf-/zuklappen

Das Schlagzeug

Trommeln und Becken gibt es natürlich seit Ewigkeiten, aber das Schlag­zeug als Ganzes ist recht jung im Vergleich zu anderen Instrumenten. Die Grund­idee ist, zum Spiel auch die Füße einzusetzen, denn so kann ein einzelner Schlag­zeuger eine ganze Gruppe von Trommlern und Geräusche­machern ersetzen. Das Prinzip setzte sich im späten 19. Jahr­hundert zunehmend durch, das voll­ständige Schlag­zeug im heutigen Sinne gibt es seit etwa 100 Jahren.

Schlagzeug

Die Sicht des Drummers. Per Fuß bedient wird erstens die große, senkrecht stehende Bass­drum (1), zweitens die sogenannte Hi-Hat (2). Das ist eine Konstruktion aus zwei gegeneinander gerichteten Becken, die per Pedal zusammen geschlagen werden. Dabei dämpfen sie sich gegenseitig, was ein kurzes, metallisches Geräusch ergibt, das für den Rhythmus benutzt werden kann. Daneben kann die Hi-Hat auch mit dem Stick angeschlagen werden. Dem Pedal kommt dabei die Funktion zu, den Abstand zwischen den beiden Becken und damit die Art und Intensität des Schepperns festzulegen.

Weiterhin gehören zum üblichen Aufbau die Snare­drum (3) sowie einige Toms verschiedener Größe (4) und Becken mit verschiedenem Klang (5). Dabei gibt es keinen festen Umfang, der Drummer stellt das Kit passend zu seinen Vorlieben und zur Musik zusammen. Neben Trommeln und Becken können auch andere perkussive Instrumente eingebunden werden, beliebt sind z.B. Schellen­ring und Kuhglocke.

Bass- und Snaredrum

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Hi-Hat mit Pedal

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Toms

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Verschiedene Becken

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Tool "Vicarious"  2006 Player auf-/zuklappen

Bei den meisten Stücken wird der Rhythmus von Bass- und Snare­drum sowie der Hi-Hat getragen, die Toms und Becken dienen der klanglichen Verzierung. Die Rolle der Snare­drum wird manchmal auch von einem anderen Instrument mit ähnlich hellem, verrauschtem Klang eingenommen, z.B. einem Schellen­ring oder einem Klatschen. Wer darauf achtet, entdeckt viele Popsongs ohne klassische Snare­drum.

Nicht zu verwechseln ist das Schlag­zeug mit dem Drumcomputer, einem spezialisierten Synthesizer, der die Klänge des Schlag­zeugs nachahmt. Solche Geräte kamen in den späten 70ern auf den Markt und floppten zunächst, weil sie den Musikern zu unecht klangen. Später wurden sie dann aber gerade wegen ihres speziellen Klangs in manchen Stil­richtungen extrem beliebt. Die Ansteuerung erfolgt durch einen Sequencer, d.h. es gibt nicht nur kein Schlag­zeug, sondern auch keinen Drummer.

Ein Synthesizer

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