zugehört: Woraus ist Popmusik gemacht?

Teil 7:  Struktur

Neben Klang und Melodie gehört die Abfolge der Akkorde zu den bestimmenden Eigenarten eines Musik­stücks. Jede Abfolge hat einen anderen Charakter, und selbst bei Beschränkung auf die sechs harmonischen Akkorde, die mit den üblichen Tonarten verfügbar sind, ergeben sich schon zahl­reiche potenzielle Varianten.

Die Akkordfolgen der Popmusik sind in der Regel einfach. Im letzten Teil, als es um Akkorde ging, hatten wir zwei Beispiele für Akkord­folgen in kommerziellen Popsongs (Jane Weaver, Coldplay). Es sind in beiden Fällen vier Akkorde, die aufeinander folgen. Dem aufmerksamen Leser/Hörer ist vielleicht aufgefallen, dass sich diese Akkord­folgen im direkten Anschluss identisch wieder­holen - und wieder­holen und wieder­holen. Nur der Klang verändert sich ab und zu, die Akkorde verhaften in der Dauer­schleife. Solche Zyklen gehören zum Wesen der Popmusik, die Philosophie also auch hier: Eingängigkeit durch Einfachheit und Wieder­holung.

Leider kann ich zu Akkordfolgen nicht mit Theorie aufwarten, deshalb werde ich hier nichts erörtern, sondern einfach ein paar Beispiele anbringen.

Zunächst brauchen wir aber eine geeignete Darstellung für die Akkord­folgen. Sie sollte unabhängig von der konkreten Tonart sein, um auch Songs mit verschiedenem Grund­ton vergleichen zu können. Musiker verwenden zur Angabe von Akkord­folgen gern die Stufen­theorie, also z.B. I-IV-V-I. Leider ist solch römischer Zahlen­salat für Nicht­musiker etwas schwer verdaulich. Ich verwende deshalb eine grafische Darstellung. Erinnern wir uns, dass die Akkorde einer Dur- oder Moll-Tonart jeweils Reihen mit dem Abstand einer Quinte bilden:

Tonleiter mit Akkorden

Dieses Muster ist sehr systematisch. Wenn wir es um 90° nach links drehen, erhalten wir drei Ebenen von Akkorden, wobei jede Ebene gegenüber der darunter liegenden um eine Quinte erhöht ist. Parallelen liegen auf der gleichen Ebene und können wie bisher an der Farbe unter­schieden werden: Dur grün, Moll blau. Die sechs Akkorde sehen dann so aus:

sechs Muster

Der Grundakkord der Tonart ist bei Dur der dritte in der Reihe, bei Moll der vierte, in jedem Fall ist aber das mittlere Kästchen gefüllt. Durch Erweitern des Rasters nach oben und unten können zur Not auch Dur- und Moll-Akkorde dargestellt werden, die nicht zur Tonleiter gehören, denn wenn man nur um genügend viele Quinten nach oben oder unten verschiebt, gelangt man von jedem Akkord eines Typs zu jedem der elf anderen. Achtung: das Verschieben eines Akkords um eine Quinte nach oben kann die Tonhöhe ebensogut absenken wie erhöhen, denn die Akkorde können sich ja aus allen Oktaven bedienen. Die sechs Akkorde könnten in der oben gezeigten Reihen­folge z.B. so klingen:

play

Vorhalt-Akkorde sind mit diesem Schema nicht erfassbar, deshalb werde ich Songs, die solche verwenden, hier außen vor lassen, obwohl sie natürlich existieren, wie gesehen. Für Vier­klänge ist ebenfalls kein Platz in der Darstellung, aber den vierten Ton höre ich sowieso nicht.

Die Muster der Akkorde können wir horizontal neben­einander setzen, um die zeitliche Abfolge abzubilden. Eine Spalte von Kästchen soll für einen Takt stehen.

Harry Styles "Sign of the Times"  2017 Player auf-/zuklappen
Akkordfolge
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Drei Akkorde, die Schleife zwanzig mal wieder­holt, Welthit. (Ganz ohne Wertung, natürlich.)

The Cardigans "Erase/Rewind"  1999 Player auf-/zuklappen
Akkordfolge
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Vier Akkorde, jeweils einen halben Takt gespielt - eine Schleife von gerade einmal 4½ Sekunden.

Die Akkordfolgen entfalten verschiedenen Charme und erfreuen sich entsprechend verschiedener Beliebtheit. Das hat leider zur Folge, dass die besonders schlüssigen auch die besonders abgedroschenen sind. Eine Variante hat in der Popmusik geradezu seuchen­hafte Verbreitung, Musiker nennen sie I-V-VI-IV:

Akkordfolge
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Die australische Spaß-Band The Axis of Awesome hat diverse Songs, die diesen Zyklus einsetzen, zu einem schaurigen Medley verwurstet. Zu den unfreiwillig Mitwirkenden gehören U2, Lady Gaga, Elton John, die Red Hot Chili Peppers und die Beatles. Die Melodien sind verschieden, aber es wird klar, dass sie auf das immer gleiche harmonische Fundament gezimmert sind.

The Axis of Awesome "4 Chords" Player auf-/zuklappen

Wenn der Pianist am Ende das Schema verlässt und kurz Jazz-Klänge anschlägt, dann fühlt sich das an wie die Befreiung aus der Pop-Matrix.

Sunrise Avenue "Fairytale Gone Bad"  2006 Player auf-/zuklappen
Akkordfolge

Klassische Songstruktur mit Strophe, Bridge und Refrain, alle mit verschiedenen Akkord­folgen. Hier haben wir nun tatsächlich mal sechs verschiedene Akkorde, aber es sind nicht ganz die sechs erwarteten. Einer der Moll-Akkorde fehlt, dafür ist in der Strophe ein vierter Dur-Akkord verbaut, der einen leiter­fremden Ton enthält.

Bruce Springsteen "Tougher Than the Rest"  1988 Player auf-/zuklappen
Akkordfolge

Der Zyklus (oben) besteht aus zwei Varianten eines Grund­musters. Ein Kunst­werk aus Dur-Akkorden. An einer Stelle wird durch einen einzelnen halben Takt sogar der 4/4-Takt gebrochen. Einer der Zyklen ist stark modifiziert (unten, auf "dark") und steigt auch direkt mit einem Moll-Akkord ein.

Pearl Jam "Black"  1991 Player auf-/zuklappen
Akkordfolge

Ein Song mit Tonartwechsel. Die Strophe in Dur, Bridge und Refrain in Moll und außerdem um drei Quinten verschoben. Die beiden Tonarten haben keinen harmonischen Akkord gemeinsam. Übrigens: Im Refrain (der die komplette zweite Hälfte einschließt) sind die Akkord­wechsel synkopiert. Sie fallen nicht auf die Eins, sondern kommen schon eine Achtel­note vorher, ebenso die Kick­drum, so dass auf der normaler­weise betonten Eins nur noch eine dürre Hi-Hat übrig bleibt. Das trägt wesentlich zum besonderen Charakter des Stücks bei, zusammen mit dem ungewöhnlichen Drei-Takte-Zyklus.

Daft Punk "Giorgio by Moroder"  2013 Player auf-/zuklappen
Akkordfolge

Ein Zyklus aus 16 Takten, durch­exerziert in diversen Musik­stilen vom typischen Daft-Punk-Sound über Jazz bis hin zu Streichern in Klassik-Manier.

Etwas Theorie zum Schluss

Wir hatten schon festgestellt, dass die Akkorde einer Dur- oder Moll-Tonart (und bei Kirchen­ton­leitern ist es nicht anders) eine Art von Verwandtschaft bilden.

sechs Muster

Die sechs Akkorde entstehen auseinander durch Verschieben um eine oder zwei Quinten (in der Darstellung vertikale Richtung) und durch Wechsel zum Parallel­akkord (Farbe). Wir können die sechs grafisch in einem Block zusammen­fassen:

Muster

Nach oben und unten ist dieses Diagramm aber offen, dann natürlich können die Akkorde in beiden Richtungen um weitere Quinten verschoben werden. Verschiebt man den kompletten Block um eine Quinte, landet man bei den sechs Akkorden einer anderen Tonart.

Muster

Wenn z.B. die linken Akkorde zur Tonart C-Dur gehören, dann gehören die rechten zur Tonart G-Dur, eine Quinte höher. Die beiden Tonarten haben vier Kästchen gemeinsam, also vier harmonische Akkorde. Um vier gemeinsame Akkorde haben zu können, müssten sie auch fast alle Töne gemeinsam haben. Ist das so?

Tonleitern

Ja. Zwei Dur-Tonarten, deren Grundton sich um eine Quinte (sieben Halb­töne) unterscheidet. Sie haben sechs ihrer sieben Töne gemeinsam, nur die rot markierten nicht.

Verschiebt man den Block um eine weitere, zweite Quinte, bleiben nur zwei gemeinsame Akkorde und fünf gemeinsame Töne. Bei der dritten Quinte gibt es keine gemeinsamen Akkorde mehr. Je weiter man um Quinten schiebt, umso weniger verwandt sind die Tonarten. Jedenfall bis zu einem gewissen Punkt, denn irgend­wann kommt man bei diesem Geschiebe wieder dort heraus, wo man begonnen hat. Interessant ist, dass dieser Kreis sämtliche Dur- und Moll-Akkorde sowie alle zwölf Tonarten des gleichen Geschlechts erfasst. (Der mathematische Grund dafür ist, dass 7 und 12 keinen gemeinsamen Teiler haben.) Die Quinten­schieberei formt eine Ordnung der Akkorde und Tonarten, den sogenannten Quinten­zirkel. Jede Dur- und jede Moll-Tonart hat in diesem Kreis ihren Block von Akkorden.

Quintenzirkel

Der Quintenzirkel ist so etwas wie die Ahnen­tafel der Tonarten. Je näher sich zwei Tonarten dort stehen, umso enger sind sie verwandt.